Ilaria, die Glückliche (Textauszug)

Baby, auf einem Flüchtlingsboot geboren (c) Times of Malta 2013
Baby, auf einem Flüchtlingsboot geboren (c) Times of Malta 2013

Am Strand von Hobyo, Somalia, September 2009

Nur für einen kurzen Moment wollte Suleekho hier rasten, wollte zusehen, wie die Wolken über den orange leuchtenden Abendhimmel in den Golf von Aden zogen und die Wellen mit kleinen weißen Schaumkronen an den Strand schwappten, sich so unschuldig verliefen, als sei es einfach nur Wasser, das auf Sand traf. Möwen standen schreiend in der Luft. Es roch nach Seetang.

Suleekho blickte voll Sehnsucht auf die dünnen Schaumlinien, die die Wellen hinterließen. Niemals mehr würde sie es wagen, mit nackten Füßen durch die Brandung zu schlendern oder gar im Meer zu baden, so wie sie es als Kind ganz selbstverständlich getan hatte.

Die Sonne würde bald untergehen. Suleekho musste sich nun beeilen, schließlich war der Vater alleine zu hause, hilflos und bettlägerig. Lange würde es wohl nicht mehr dauern, bis auch er in ein weißes Tuch gehüllt neben der Mutter im Schatten der kleinen Moschee bestattet würde. Schon seit Monaten hustete er Blut. Und nur noch selten presste er mit trockenen Lippen Worte hervor, die sich sogleich in der stickigen Luft über seinem Lager aufzulösen schienen. Alles war abgehacktes Gemurmel.
„Geh, mein Kind, ich flehe dich an! Ilaria hatte Recht. Somalia hat keine Zukunft, du hast hier keine Zukunft. Geh und finde dein Glück!“ Die Stimme des Vaters klang von Tag zu Tag matter.

Ilaria Alpi. Nach all dieser Zeit sprach der Vater wieder häufig von der jungen italienischen Journalistin, als deren Fahrer er gearbeitet hatte. Der Vater sprach von Ilaria, von ihrer Arbeit und drängte im selben Satz Suleekho zu gehen, Somalia aufzugeben, ihn aufzugeben. Suleekho erinnerte sich gut an diese Frau, die damals, vor über fünfzehn Jahren, häufig im Haus des Vaters zu Gast war. Noch ein Kind, war Suleekho auf dem Schoß des Vaters herumgerutscht, fasziniert von dieser Weißen, die so viel und so energisch sprach, die eine Sonnenbrille trug, schwere Schuhe und Hosen wie ein Mann.

Mit der Erinnerung des Vaters kamen auch seine Albträume zurück, in denen er gegen die alten Bilder anschrie, gegen die Dämonen, so dass auch Suleekho in der Nacht aufschreckte, in sein Zimmer gehen und ihn mit einem sanften Schütteln wecken musste. In seinen Träumen durchlebte der Vater jenen Märztag 1994, als das Killerkommando mit Motorrädern auf den Wagen zuraste. Noch am Morgen hatte die Mutter gewarnt: Mogadishu wäre viel zu gefährlich. Zwischen den Eltern hatte es Streit gegeben. Der Vater war dennoch gefahren.

Ilaria recherchierte damals über ätzende Krankenhausabfälle und strahlenden Atommüll, die auf dem Meeresgrund in Fässern schliefen, versenkt von der italienischen Ndrangheta. Ob Regierungskreise in Rom involviert waren, war unklar. Bevor Ilaria ihren Informanten treffen konnte, peitschten Schüsse von allen Seiten durch die Gasse, Autoscheiben zersprangen, Motoren heulten auf und verstummten im nächsten Moment in der Ferne.
Ilaria Alpi und ihr Kameramann Miran Hrovatin lagen in einer Blutlache auf dem Rücksitz, während der Vater sich hinter dem Lenkrad in die Hose gemacht hatte.
Das war das Bild, das Suleekho für immer im Gedächtnis bleiben würde: Der Vater, der am Abend mit stumpfem Blick, gänzlich abwesend in der Tür stand, auch Tage danach noch unfähig zu sprechen.

Lange Zeit war das Gift unsichtbar geblieben, hatte in Fässern auf dem Meeresgrund gelegen, als eine tickende Zeitbombe. Davor hatte Ilaria und später der Vater immer wieder gewarnt: Vor der tickenden Zeitbombe, die irgendwann explodieren würde, genau dann, wenn niemand mehr daran dächte. Und genauso war es gekommen.

Fünf Jahre war der Tsunami nun her, fünf Jahre, in denen sich das Leben in Hobyo radikal verändert hatte. Als würden Ilarias schlimmste Prophezeiung Wirklichkeit, hatte das Wasser mit unbändiger Kraft die Fässer an die Strände gespült. Besonders hart traf es die alten Fischerorte. Kinder kamen jetzt mit Missbildungen und Behinderungen zur Welt, die Alten klagten über juckende, eiternde Ausschläge und Blutungen im Mund. Die Krebsrate schoss in die Höhe. Der Staat tat nichts, die Menschen waren auf sich gestellt. Suleekho sah, wie die Nachbarn starben und mit den kranken Kindern auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

„Geh fort und suche dein Glück!“ Immer häufiger dachte Suleekho an die Worte des Vaters, und tatsächlich konnte sie sich ihr eigenes Glück immer weniger in Hobyo vorstellen. Sie wollte bis zum Ende beim Vater bleiben. Dann würde sie den Nissan verkaufen, der noch immer staubbedeckt im Hof stand, würde die Armbanduhr des Vaters und die goldenen Armreifen der Mutter nehmen, den einzig wertvollen Besitz, würde sie zu einigen Habseligkeiten in den kleinen Koffer legen, würde das Haus abschließen als würde sie die Tür zu ihrem bisherigen Leben schließen und sich auf den Weg machen.

Die Geschichte "Ilaria, die Glückliche" entstand anlässlich des Projektes "It's a quest, baby", in dem ich gemeinsam mit der Autor_innengruppe MischMash zum Thema Heldenreise gearbeitet habe. Der vollständige Text findet sich als Print und Ebook im Buch zum Projekt.


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